
kehrtverum!
von Andreas-Maria Schäfer
Nun ist es in 2026 zweihundert Jahre her, dass die erste Fotografie gelungen ist. Sozusagen nach langer Forschung und vielen gescheiterten Versuchen. Dabei sind in der Anfangszeit ausschließlich Unikate entstanden, ähnlich der Malerei. Und heute im Zeitalter der tsunamiartigen Bilderfluten brennen sich nun in unser kollektives Gedächtnis zunehmend mehr gleichförmige Bilderwelten ein. Millionenfach fotografiert der Eifelturm. Nicht nur, dass wir vor Ort selbst auch noch ein Abbild davon aufnehmen müssen, nein, wir gleichen oft dieses Abbild als Wiederholung des bereits vorab Gesehenen an. Und so kommt es immer mehr dazu, dass wir vermehrt ein Bild gut finden, wenn es unserer Erinnerung als Einbildung gleicht. Denn dies ist uns vertraut, bekannt und eingebrannt. Dies könnte für uns Marburger zum Beispiel „Das Marburger Schloss“ sein. Bei den meisten wird dann die Frontalansicht, mal von weiter weg, mal aus der Gutenbergstraße oder aus der Ferne beim Anreisen über die B3 als persönliche Einbildung auftauchen. Bei kehrtverum! manchen auch die verfremdeten Darstellungen aus den Postkartenbildern der „Marburg‐Fotografen“. Bei den wenigsten aber eine Einbildung von der Rückseite des Schlosses, selbst beim Aufruf in Google „Rückseite Marburger Schloss“ werden zu 98% Bilder von der Vorderseite gezeigt. Der Fotokünstler Andreas Maria Schäfer wagt nun den Versuch aus dem kollektiven Bewusstsein durch seine Ausstellung, die individuali‐ sierten Einbildungen durch einen großformatigen Text aufzurufen. Der Titel „kehrtverum!“ deutet dies schon an. Im Bilderrahmen selbst steht eine bezeichnende, aber möglichst freilassende Beschreibung des Bildes, sozusagen als heraufgeholtes, vergrößertes Titelschild. Dies soll erst einmal die eigene Einbildung vor das innere Auge holen. Und zwar unabhängig davon, ob man es selbst schon live vor Ort gesehen hat oder aus dem Wahrnehmen in den virtuellen Netzwerken. Danach hat man die Möglichkeit, in kleinem Format anstelle des eigentlichen Titelschildes die Fotografie des Künstlers wahrzunehmen und dessen subjektive, festgehaltene Einbildung mit der eigenen abzugleichen.
